Deutsch-polnische Arbeitsgruppe legt Grundstein für Management von Elch und Wisent

Dezember 22, 2025

Gemeinsam für das Comeback großer Pflanzenfresser im Oderdelta – Große Wildtiere wie Elch und Wisent sind nicht nur faszinierend anzusehen – sie prägen ganze Landschaften und stärken die Widerstandskraft unserer Ökosysteme. Damit ihre Rückkehr nach Deutschland gelingt und gut begleitet wird, sind Wissen, Zusammenarbeit und Verständnis notwendig – besonders über Grenzen hinweg. Eine deutsch-polnische Arbeitsgruppe arbeitet seit 4 Jahren daran, Monitoring und Management dieser Arten gemeinsam zu gestalten und so den Weg für ein friedliches Zusammenleben von Mensch und Tier zu ebnen.

Vierte Tagung der Arbeitsgruppe Elch & Wisent: Austausch über Grenzen hinweg

Am 1. und 2. Oktober 2025 fand das vierte Treffen der Arbeitsgruppe Elch & Wisent statt – diesmal im vorpommerschen Glashütte, und wir hatten es organisiert. Jetzt gibt endlich das Protokoll der Sitzung. Rund 25 Teilnehmende aus Wissenschaft und Praxis aus Polen, Brandenburg, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern tauschten sich über aktuelle Entwicklungen und Herausforderungen aus.

Ziel der AG ist es, Wissen zu bündeln und gemeinsame Strategien für das Monitoring und Management von Elch und Wisent zu entwickeln. Da die Tiere weite Wanderungen unternehmen, ist die grenzübergreifende Abstimmung entscheidend. Der Fokus liegt aktuell auf dem Elch, dessen Einwanderung nach Deutschland bereits regelmäßig beobachtet wird – eine frühzeitige Vorbereitung mit Monitoring und Handlungsempfehlungen für ein konfliktarmes Zusammenleben ist daher sinnvoll.

Die AG Elch & Wisent bei der Exkursion am ersten Veranstaltungstag
Die AG Elch & Wisent bei der Exkursion am ersten Veranstaltungstag
Sylwia Rylowska / Rewilding Oder Delta

Warum Elch und Wisent für die Natur so wichtig sind

Elch und Wisent wirken nicht für sich allein – sie stehen stellvertretend für eine ganze Gemeinschaft großer Pflanzenfresser, ohne die natürliche Landschaftsdynamik kaum entsteht. Ihre unterschiedlichen Fressgewohnheiten und Bewegungsmuster formen dauerhaft abwechslungsreiche Mosaiklandschaften aus Wald, offenen Wiesen, Gehölzstrukturen und Feuchtgebieten. Ein Elch lichtet junge Wälder auf, ein Wisent öffnet die Landschaft und schafft Sandkuhlen, und zusammen mit anderen Pflanzenfressern halten sie die Vegetation in ständiger, fruchtbarer Bewegung.

Ihre Wirkung geht weit über das Äsen und Weiden hinaus. Durch Dung, Urin, Tritt und das ständige Wandern verbessern sie die Bodenqualität, fördern Pilze, Bakterien und Insekten und sorgen dafür, dass sich Samen über große Distanzen verbreiten. Offene Bodenstellen und Trittpfade werden zu Keimzentren für neue Pflanzengemeinschaften, die wiederum Lebensraum für zahllose Tiere schaffen. Auf diese Weise entstehen widerstandsfähige Ökosysteme, die reich an Funktionen sind – von Bestäubung und natürlicher Schädlingskontrolle bis zu einer höheren Anpassungsfähigkeit an klimatische Veränderungen.

Mosaiklandschaften selbst sind ein entscheidender Faktor für Resilienz. Ihre wechselnden Strukturen verhindern, dass sich Krankheiten oder Schädlinge flächig ausbreiten, und die offenen Bereiche reduzieren das Risiko großflächiger Waldbrände. Gleichzeitig kann extensiv genutztes oder naturnahes Grasland tief im Boden – in Wurzeln und Humus – erhebliche Mengen Kohlenstoff speichern, der oft stabiler gebunden ist als in Wäldern. Das gilt besonders in Regionen mit hohem Brandrisiko oder wiederkehrenden Störungen wie Windwürfen, Borkenkäferbefall, trockenen Sommern oder intensiver forstlicher Nutzung, bei denen große Mengen oberirdischer Holzbiomasse verloren gehen können. Entscheidend ist jedoch der Zustand des Graslands: Nur dauerhafte, wenig gestörte Wiesenmit artenreicher und unterschiedlich tief reichender Wurzelmasse sowie intakter Bodenstruktur entwickelt diese langfristige Speicherfunktion – und genau solche offenen, dynamischen Bereiche entstehen und werden erhalten dank großer Pflanzenfresser.

Die Rückkehr von Elch, Wisent und anderen großen Pflanzenfressern bedeutet deshalb weit mehr als einzelne Tiere zurückzubringen: Sie ermöglicht lebendige, dynamische Landschaften, die natürliche Prozesse stärken, Biodiversität fördern und langfristig Klima und Ökosysteme stabilisieren. Und Rewilding ebnet den Weg dafür.

Wisente im Wald in Polen
Wisente im Wald in Polen
Sylwia Rylowska / Rewilding Oder Delta

Vom Aussterben zur Rückkehr: Ein Blick in die Geschichte

Elche wurden im heutigen Deutschland bereits im Frühmittelalter ausgerottet, überlebten in Polen lange nur in wenigen Rückzugsgebieten. Erst nach ihrer Unterschutzstellung in den 1950er Jahren begann die Population sich zu erholen. Seit einem Jagd-Moratorium 2001 ist der Bestand in Polen auf rund 30.000 Tiere gewachsen. Sichtungsmeldungen insbesondere aus den östlichen Regionen Deutschlands zeigen, dass immer wieder einzelne Tiere die Wanderung gen Westen antreten..

Auch Wisente, die Anfang des 20. Jahrhunderts in der Wildnis ausgerottet waren, wurden in verschiedenen Teilen Europas erfolgreich wiederangesiedelt, so auch in Westpommern.  In Westpommern gibt es derzeit 11 Wisentherden mit insgesamt 465 Individuen – zwei der Herden leben nur etwa 30 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt.. 2017 schwamm sogar ein Wisent über die Oder nach Deutschland und wurde daraufhin erschossen – ein Ereignis, das zeigte, wie dringend klare Zuständigkeiten und Handlungsrichtlinien im Umgang mit wandernden Wildtieren gebraucht werden.

Elch im Birkenwald im WInter
Elch im Birkenwald
Staffan Widstrand / Rewilding Europe

Monitoring, Management und Infrastruktur: Wege zur Koexistenz

Rewilding Oder Delta e.V. arbeitet eng mit der Westpommerschen Naturgesellschaft in Polen zusammen und betreibt ein grenzübergreifendes Monitoring-Team. Bisher überwacht es vor allem Luchse und Wisente auf polnischer Seite, künftig sollen auch Elche stärker in den Blick rücken.

Eine Lebensraumanalyse (Bluhm et al., 2023) bestätigt: Sowohl für Elch als auch Wisent gibt es im Oder-Delta geeigneten Lebensraum – auf beiden Seiten der Grenze. Doch zerschnittene Landschaften durch Straßen und Bahnlinien erschweren ihre Ausbreitung.

Deshalb arbeitet Rewilding Oder Delta beratend mit dem Landesamt für Straßen und Verkehr zusammen, um Wanderbewegungen künftig bei der Infrastrukturplanung mitzudenken. Zäune und Querungshilfen können gezielt lenken, Konflikte reduzieren und so Sicherheit für Mensch und Tier schaffen.

 

„Wir können von unseren polnischen Nachbarn lernen“

„Wir brauchen ein besseres Verständnis der Wanderbewegungen beider Arten und eine enge, grenzübergreifende Zusammenarbeit“, sagt Ulrich Stöcker, Geschäftsführer von Rewilding Oder Delta e.V. „Hier können wir viel vom Management großer Tiere in Polen lernen“.
Die Fortführung der Arbeitsgruppe sei daher ein wichtiger Schritt in Richtung einer gemeinsamen Zukunft mit Elch und Wisent.

 

Ergebnisse der Tagung

Das Treffen zeigte, dass die Elchpopulation in Polen weiter wächst, jedoch ohne systematisches Monitoring, weshalb Meldungen aus der Bevölkerung zentral bleiben. Unklar ist weiterhin, ob in unserer Region aufgrund des Klimas eine stabile Elchpopulation entstehen kann, zumal Feuchtlebensräume für die Thermoregulation der Elche entscheidend sind. Hinweise aus der Forschung deuten zudem darauf hin, dass Elche potenziell das Stettiner Haff queren könnten. Relevanter als Querungen des Haffs, wenn auch theoretisch möglich, bleibt vermutlich der Landweg entlang alter Korridore (wie z.B. auf Usedom). Das ist aber nicht belegt, weshalb unser Monitoring umso wichtiger ist. Erfahrungen aus mehreren Ländern bestätigen, dass Elche sich gelegentlich mit Rindern vergesellschaften, wie auch der Fall Bert zeigt, der einzige zurzeit nachweislich dauerhaft in Deutschland lebende Elch, der seit mehreren Jahren ein Senderhalsband trägt und uns damit einen interessanten Einblick in seine Bewegungsmuster und Verhaltensweisen gibt. Straßenquerungen bleiben ein zentrales Risiko: Grünbrücken werden mancherorts genutzt, andernorts jedoch kaum, weshalb weitere Untersuchungen notwendig sind. Telemetrie-Daten belegen, dass große Verkehrsachsen das Wanderverhalten beeinflussen und Elche Autobahnen weitgehend meiden. Für Polizei, Feuerwehr und Bahn werden gezielte Schulungen empfohlen, um besser auf Elchbegegnungen vorbereitet zu sein.  Die Einbindung der Jägerschaft ist entscheidend, um einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Elch sicherzustellen und den Schutz der Art zu unterstützen. Rewilding Oder Delta plant den Aufbau einer eigenen Sichtmeldungsdatenbank, eines deutsch-polnischen Monitorings und die Entwicklung von Handlungsempfehlungen für einen landesweiten Elch-Managementplan. Insgesamt soll die Zusammenarbeit mit Behörden, Forschung und polnischen Partnern vertieft werden, um Querungsstrukturen zu verbessern und die Akzeptanz in der Bevölkerung weiter zu stärken.

Die Mitglieder der Arbeitsgruppe lauschen den Vorträgen und Forschungsergebnissen
Die Mitglieder der Arbeitsgruppe lauschen den Vorträgen und Forschungsergebnissen
Ulrike Frenzel / Rewilding Oder Delta
Unsere Fachexpertin Wiebke Brenner führt durch das Programm
Unsere Fachexpertin Wiebke Brenner führt durch das Programm
Ulrike Frenzel / Rewilding Oder Delta

Auf den Spuren der Elche: Reportage auf ARTE

Begleitet wurde das Treffen vom Journalisten Michael Schumacher, der sich für eine ARTE-Reportage auf die Spuren der Elche begab – vom Biebrza-Nationalpark in Ostpolen bis ins Oder-Delta. Die Ausstrahlung der Dokumentation fand am 26.11.2025 auf ARTE statt und kann in der ARTE Mediathek angesehen werden. Sie zeigt die faszinierende Rückkehr dieser Tiere am Beispiel von Bert, dem Elchbullen.

Fazit: Auf dem Weg in eine gemeinsame Zukunft mit Elch und Wisent

Das diesjährige Arbeitsgruppen-Treffen hat die Zusammenarbeit gestärkt. Alle waren sich einig, hinsichtlich Sichtungsmeldungen und Handlungsempfehlungen in engem Austausch bleiben zu wollen. Besonders erfreulich ist, dass die im Umgang mit diesen Arten erfahrenen Regionen bereit sind, ihr Wissen an Gebiete mit Potenzial für eine natürliche Rückkehr weiterzugeben.

Wir werden den Dialog zu Elch & Wisent weiter fördern, relevante Akteure einbinden und ein Monitoring im deutsch-polnischen Grenzraum etablieren.

 

Elch und Wisent sind auf dem Weg zurück – langsam, aber stetig. Ihre Rückkehr steht sinnbildlich für den Wandel hin zu einer naturverbundenen, resilienten Landschaft in Europa. Doch sie gelingt nur, wenn Menschen und Länder gemeinsam Verantwortung übernehmen – mit Wissen, Empathie und Weitblick.

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