Marine Renaturierung nimmt im Ostseeraum Gestalt an

September 1, 2026

Nach mehreren Jahren der Vorbereitung geht das Team von Rewilding Oder Delta nun den nächsten Schritt im marinen Renaturierungsprojekt. In diesem Sommer werden an der deutschen Ostseeküste die ersten Pilot-Feuchtwiesen mit Seegras angelegt. Damit wird ein innovativer Ansatz getestet, der dazu beitragen könnte, einen der wertvollsten Unterwasserlebensräume Europas wiederzubeleben.

Rewilding Oder Delta communications officer, Alana Zubritz, holds up seagrass harvested from the shore which has been displaced after a storm.
Rewilding Oder Delta communications officer, Alana Zubritz, holds up seagrass harvested from the shore which has been displaced after a storm.
James Shooter / Rewilding Europe

 

Die Wende im Ostseeraum

In ganz Europa gewinnt die Renaturierung von Küsten und Meeresökosystemen an Fahrt, da die Bemühungen zur Wiederherstellung der Natur zunehmend über die Uferlinie hinausreichen. Gesunde Meere sind die Grundlage für blühende Küstenlandschaften – doch viele marine Lebensräume Europas wurden durch jahrzehntelange Verschmutzung, Habitatverlust und nicht nachhaltige Nutzung stark geschädigt. 

Nach mehreren Jahren wissenschaftlicher Forschung, Habitatkartierung und Aufbau von Partnerschaften wechselt das Team von Rewilding Oder Delta nun von der Planung in die Umsetzung. Mit der neuen von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt geförderten Initative, Blaue Trittsteine – Ostseegras“, soll entlang der deutschen Ostseeküste ein Netzwerk mariner Lebensräume wiederhergestellt werden. Dadurch werden Ökosysteme wieder verbunden und die Voraussetzungen für die Rückkehr wildlebender Arten geschaffen. Den Auftakt bilden Seegraswiesen – die Initiative wird untersuchen, wie die Wiederherstellung zentraler mariner Lebensräume die ökologische Vernetzung stärken und die langfristige Erholung der Ostsee unterstützen kann. 

 

Seagrass growing in the Baltic sea, Oder Delta, Germany
Seagrass growing in the Baltic sea, Oder Delta, Germany
James Shooter / Rewilding Europe

 

Vom Vorbereiten zum Wiederherstellen

Die Arbeiten zur Wiederherstellung von Seegraswiesen begannen 2023 mit Unterwasserkartierungen, bei denen die letzten Bestände des Gewöhnlichen Seegrases (Zostera marina) um die Insel Ruden erfasst und das Renaturierungspotenzial des Gebiets bewertet wurden. Seitdem hat das Team von Rewilding Oder Delta mit Wissenschaftler:innen, Restoration-Expert:innen und Partner:innen aus der gesamten Ostseeregion zusammengearbeitet, um das notwendige Wissen, die Partnerschaften und Methoden zu entwickeln, um diese Unterwasserlebensräume zurückzubringen. 

In diesem Sommer hat das Team einen wichtigen Meilenstein erreicht: Die ersten Pilotflächen zur Wiederherstellung werden in der Ostsee angelegt. Dieser kleinflächige Versuch soll zeigen, ob Seegras unter den lokalen Bedingungen erfolgreich wachsen kann und ob die eingesetzten Methoden die gewünschten Ergebnisse liefern. In den kommenden Monaten wird das Team die Flächen genau überwachen und die gewonnenen Erkenntnisse nutzen, um zukünftige Renaturierungsmaßnahmen zu optimieren. 

„Die Wiederherstellung der Natur im Meer erfordert Geduld, Neugier und die Bereitschaft, dazuzulernen“, sagt Ringo Behn, Referent für Küstenökosysteme bei Rewilding Oder Delta. „Dieser Pilotversuch ist nicht nur eine Maßnahme zur Pflanzung von Seegras – es geht darum zu verstehen, wie diese Unterwasserökosysteme unter realen Bedingungen reagieren, und dieses Wissen in die weitere Arbeit einfließen zu lassen. Die Erkenntnisse werden von unschätzbarem Wert sein, um die marine Renaturierung in der Ostsee auszuweiten.“

 

Washed up seagrass which has been displaced after a storm. Lubmin, Oder Delta, Germany.
Washed up seagrass which has been displaced after a storm. Lubmin, Oder Delta, Germany.
James Shooter / Rewilding Europe

 

Die Kraft des Seegrases

Seegraswiesen gehören zu den wertvollsten Ökosystemen der Ostsee. In dieser Region wird ihr Bestand vor allem vom Gewöhnlichen Seegras (Zostera marina) geprägt – eine von etwa 70 weltweit vorkommenden Seegrasarten. Im Gegensatz zu Algen handelt es sich bei Seegräsern um Blütenpflanzen. Sie wachsen in flachen, geschützten Küstengewässern und erfüllen dort vielfältige Funktionen: Sie dienen als Aufzuchtgebiete für Fische wie den Atlantischen Hering, bieten unzähligen Meerestieren Lebensraum, stabilisieren den Meeresboden, verbessern die Wasserqualität, verringern die Küstenerosion und binden sowie speichern erhebliche Mengen an Kohlenstoff. 

Doch ein Großteil des Ostsee-Seegrases ist in den letzten Jahrzehnten verschwunden – verursacht durch Nährstoffbelastung, den Klimawandel, Fischereiaktivitäten und physische Störungen. Die Wiederherstellung dieser Unterwasserwiesen birgt das Potenzial, Vorteile zu schaffen, die weit über den Artenschutz hinausgehen: Sie stärken die Widerstandsfähigkeit der Küsten, unterstützen die Fischerei und leisten einen Beitrag zum Schutz des Klimas. 

Im Rahmen der Initiative „Blaue Trittsteine werden Forscher:innen Habitat-Eignungsmodelle entwickeln, um Standorte zu identifizieren, an denen eine erfolgreiche Renaturierung am wahrscheinlichsten ist. So sollen zukünftige Maßnahmen auf einer soliden wissenschaftlichen Grundlage beruhen. Gleichzeitig wird untersucht, wie sich Seegras nachhaltig gewinnen lässt – mit Priorität auf Material, das in Aquakulturen gezüchtet oder aus natürlich angespülten Pflanzen gewonnen wird. Dies schützt die letzten wilden Seegrasbestände der Ostsee und schafft zugleich eine nachhaltige Quelle für Pflanzmaterial zukünftiger Renaturierungsprojekte. 

 

Rewilding Oder Delta volunteer collecting seagrass from the shore which has been displaced after a storm.
Rewilding Oder Delta volunteer collecting seagrass from the shore which has been displaced after a storm.
James Shooter / Rewilding Europe

 

Innovation unter der Oberfläche

Ein zentrales Element der Initiative ist der Einsatz einer innovativen Renaturierungstechnik, die von dem deutschen Unternehmen ZosteraTec entwickelt wurde. Dabei werden junge Seegras-Pflanzen nicht einzeln von Hand gepflanzt, sondern zunächst auf biologisch abbaubaren, kunststofffreien Textilmatten angesiedelt – hergestellt aus altem Seegras. Anschließend werden diese Matten, ähnlich wie Rollrasen, behutsam auf dem Meeresboden ausgerollt. 

Diese Methode hat bereits in geschützteren Gewässern der Ostsee vielversprechende Ergebnisse gezeigt. Die Pilotpflanzungen rund um die Insel Ruden sollen nun testen, ob sie auch unter den hier vorherrschenden raueren Bedingungen erfolgreich eingesetzt werden kann. Stärkere Wellenbewegungen stellen dabei eine zusätzliche Herausforderung dar. Faktoren wie Welleneinwirkung, Sedimentverlagerungen und Wasserqualität werden maßgeblich beeinflussen, wie sich die jungen Seegras-Pflanzen entwickeln. 

 

 

Ein vernetztes System 

Obwohl die Seegras-Renaturierung den Auftakt der Initiative „Blaue Trittsteine markiert, soll das Projekt weit über einen einzelnen Lebensraum oder Standort hinauswachsen. Langfristig strebt es danach, ein vernetztes System aus marinen und küstennahen Ökosystemen wiederherzustellen. Dieses soll eine reichere Biodiversität, gesündere Fischbestände, eine höhere Klimaresilienz und blühende Küstencommunities fördern. 

Der Name der Initiative greift die Idee eines Netzwerks aus verbundenen „blauen Trittsteinen“ auf – wiederhergestellte marine Lebensräume, die es Wildtieren, natürlichen Prozessen und ökologischen Funktionen ermöglichen, sich über die gesamte Ostseelandschaft hinweg zu erholen. Die Seegras-Renaturierung ist der erste Schritt, doch in zukünftigen Phasen könnte das Programm auf weitere Lebensräume ausgeweitet werden. 

 

The Rewilding Oder Delta team, together with Zostera Tec partner, Heinrich Meusel, hold a finished seagrass rope - ready for planting on the seabed. Oder Delta, Germany.
The Rewilding Oder Delta team, together with Zostera Tec partner, Heinrich Meusel, hold a finished seagrass rope – ready for planting on the seabed. Oder Delta, Germany.
James Shooter / Rewilding Europe

 

Auf dem Weg zu einer umfassenden Vision der marinen Renaturierung 

Die Initiative „Blaue Trittsteine“ ist Teil der umfassenderen Arbeit von Rewilding Oder Delta, die darauf abzielt, Flüsse, Feuchtgebiete und Küstenlandschaften im gesamten Renaturierungsgebiet des Oder-Deltas wiederherzustellen. Dabei wird berücksichtigt, dass gesunde Meere von gesunden Einzugsgebieten und funktionierenden natürlichen Prozessen abhängen – über gesamte Landschaften und Meeresräume hinweg, die intrinsisch miteinander verbunden sind. 

Als Ergänzung zu den praktischen Renaturierungsmaßnahmen soll ein geplanter mariner Bildungsstandort in Peenemünde Besucher:innen, Schulen und lokalen Gemeinschaften die verborgene Vielfalt der Ostsee näherbringen. Durch Ausstellungen, Workshops und geführte Aktivitäten wird das Bewusstsein für die Bedeutung der marinen Renaturierung und der Erholung der Unterwasserwelt gestärkt. Gemeinsam legen diese Bemühungen den Grundstein für gesündere Meere, ein reichhaltigeres marines Leben und ein wachsendes Netzwerk wiederhergestellter Lebensräume in der Ostsee. 

Das Projekt “Blaue Trittsteine – Ostseegras“ wird von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt gefördert. 

 

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