Störe schwimmen
wieder in der Ina!

September 24, 2026

Am Freitag, den 18. September, setzten in Goleniów Vertreter:innen der lokalen Behörden, Wissenschaftler:innen und Expert:innen, lokale Aktivist:innen und Bürgerinitiativen, Schüler:innen und Senior:innen gemeinsam baltische Störe in die Ina frei. Die Veranstaltung „Gemeinsam für Flüsse“ wurde begleitet von Vorträgen, Diskussionen und einem abschließenden gemeinsamen Picknick mit Ausstellungen, Workshops und Konzerten.

Fifteen juvenile specimens and several thousand smaller fish, each about 15 centimeters long, were released.
Fifteen juvenile specimens and several thousand smaller fish, each about 15 centimeters long, were released.
Robert Jurszo / Rewilding Oder Delta

 

Am Freitagmorgen war die Promenade in Goleniów stark frequentiert. Hunderte von Menschen waren gekommen, um an der Aktion zur Freilassung von Stören in die Ina teilzunehmen. Die baltischen Störe, die eine Länge von über vier Metern erreichen können, sind im 20. Jahrhundert in der Ostsee ausgestorben. Die Zusammenkunft wurde durch Dankesreden der an der Wiederansiedlung des Ostseestörs beteiligten Projektpartner:innen eröffnet – Rewilding Oder Delta (ROD), des Leibniz-Instituts für Ökologie der Binnengewässer (IGB) in Berlin sowie des Pommerschen Bezirksverbandes des Polnischen Angelverbands (PZW) – sowie durch Reden lokaler Amtsträger:innen. 

Freigelassen wurden 15 heranwachsende Exemplare sowie mehrere tausend kleinere Fische mit einer Länge von etwa 15 Zentimetern. Die größeren Fische setzten feierlich die am Artenschutz beteiligten Naturforschenden frei, darunter Dr. Joern Gessner und Dr. Jan Krzystolik (IGB), Rafał Pender (PZW) sowie Anne Caspari, Peter Torkler und Tomasz Pezold Knežević (ROD). Auch der Woiwode der Westpommerschen Woiwodschaft, Adam Rudawski, und der Marschall der Westpommerschen Woiwodschaft, Olgierd Geblewicz – beide hatten das Ehrenpatronat über die Veranstaltung übernommen – sowie der Bürgermeister der Gemeinde Goleniow, Krzysztof Sypień, setzten Störe frei. Die kleineren Fische durften alle Interessierten aussetzen, darunter Schüler:innen, Senior:innen der Seniorenuniversität, Angler:innen und Journalist:innen. 

„Wenn wir den Stör und seine Lebensräume schützen, schützen wir auch viele andere Fischarten. In einem barrierefreien Fluss nutzen nicht nur Störe, sondern auch Lachse, Aale und andere wandernde Fischarten die Gewässer. Daher werden alle Maßnahmen zum Schutz des Störs dazu führen, dass auch andere sehr wertvolle Fischarten in die Flüsse zurückkehren“, so Dr. Jan Krzystolik. 

 

Debatten, Köstlichkeiten, virtuelle Rundgänge

Der weitere Teil der Veranstaltung „Gemeinsam für Flüsse“ fand im Kulturhaus Goleniów statt. Eröffnet wurde er durch einen Vortrag von Gerd-Michael Arndt, von der Landesforschungs­anstalt für Landwirtschaft und Fischerei MV und Dr. Joern Gessners Team des Leibniz-Instituts für Ökologie der Binnengewässer (IGB) über die aktuellen und vergangenen Bemühungen zur Wiederansiedlung von Stören in der Ostsee und den Zuflüssen. 

„Störe gehören zu den ältesten heute lebenden Knochenfischen. Sie existieren seit etwa 200 bis 250 Millionen Jahren. Sie sind also schon sehr lange unter uns. Sie überlebten die Ära der Dinosaurier, mehrere Eiszeiten und den Kontinentaldrift. Leider haben sie sich nicht an das Überleben mit Menschen anpassen können, was sich darin zeigt, dass sie innerhalb von nur etwa 150 Jahren fast vollständig ausgerottet wurden“, so Dr. Gessner. 

Rafał Pender vom Polnischen Angelverband (PZW) stellte die technischen Aspekte und Herausforderungen der Aufzucht junger Störe im Aufzucht- und Besatzzentrum des PZW in Goleniów vor und berichtete zudem von der Geschichte dieses Ortes. Der Professor Dr. habil. inż. Paweł Wilk vom staatlichen Forschungsinstitut für Meteorologie und Wasserwirtschaft behandelte hingegen das Thema der chemischen Schadstoffbelastungen der Ina. 

Den Expertenteil der Veranstaltung schloss die Diskussionsrunde „Gemeinsam für Flüsse – Die Ina heute und morgen“ ab, an der neben den bereits genannten Dr. Gessner und Pender auch Michał Durka (Direktor der Regionalen Wasserwirtschaftsverwaltung in Stettin, Staatliches Wasserwirtschaftsunternehmen Wody Polskie), Katarzyna Kamińska (Ministerium für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung, Abteilung Fischerei), Maciej Humiczewski (Stellvertretender Direktor des Instituts für Meteorologie und Wasserwirtschaft – Staatliches Forschungsinstitut, zuständig für den Staatlichen hydrologisch-meteorologischen Dienst) sowie Artur Furdyna (Verein der Freunde der Flüsse Ina und Gowienica) teilnahmen. Zentrales Thema der Gespräche war die Renaturierung von Flüssen, die nicht nur die Ina betrifft. Der Nutzen geht weit über die Wiederansiedlung des Störs hinaus: Eine gesunde Flusslandschaft kommt auch den lokalen Gemeinden zugute. Zudem wurde betont, dass Renaturierung oft missverstanden wird: Es geht nicht um die Wiederherstellung eines historischen Zustands, sondern um die Beseitigung künstlicher Barrieren. Ziel ist es, natürlichen Prozessen dort, wo es möglich ist, wieder freien Lauf zu lassen. 

 

Beim abschließenden Picknick bot sich ein buntes Programm: Neben Köstlichkeiten des Vereins „Leśne Babki“ und des Ehrenamtsvereins konnten die Besuchenden an Umweltbildungs-Workshops der Bibliothek und der Organisation Przyrodowi  teilnehmen. Ein Highlight war der virtuelle Spaziergang durch das Untere Odertal dank VR-Brillen am Stand der Landschaftsparks der Woiwodschaft Westpommern. Weitere Stationen waren die Stör-Ausstellung von Rewilding Oder Delta, Filmvorführungen, der Kunsthandwerksverkauf der Senior:innen der Seniorenuniversität und die mobile Buchhandlung Kamienica w lesie. Den Abschluss der Veranstaltung bildeten zwei stimmungsvolle Konzerte – gesungene Poesie von Iwona Waligórska und das Jazzduo Strychar Band. 

 

 

Weit mehr als ein einmaliges Aussetzen 

Der Rückgang des baltischen Störs im vergangenen Jahrhundert ging vor allem auf Flussstaudämme zurück, die seine Wanderungen behinderten, sowie auf die Verschmutzung und Regulierung der Flüsse, die die Laichgebiete degradieren ließen. Hinzu kam die katastrophale Überfischung der adulten Population. „Gemeinsam für Flüsse“ ist Teil eines breiteren Engagements von Rewilding Oder Delta und den Partnerorganisationen. 

„Das ist weit mehr als ein einmaliges Aussetzen. Gemeinsam mit dem Leibniz-Institut für Ökologie der Binnengewässer (IGB) in Berlin und dem Polnischen Angelverband (PZW) im Bezirk Stettin haben wir eine Partnerschaft aufgebaut, die eine reale Chance auf eine dauerhafte Rückkehr des Störs in das Oder-Einzugsgebiet und den gesamten Ostseeraum bietet“, sagt Pezold Knežević, Leiter des Teams Wilder Nature bei ROD. 

Im kommenden Jahr sollen über 20.000 Störe in die Ina gesetzt werden. Ziel ist es, ein Programm zu entwickeln, das es in den kommenden Jahren ermöglicht, jedes Jahr mehr Fische auszusetzen. Gelingt dies, wird Westpommern zu einem der wichtigsten Zentren für den Wiederaufbau der Störpopulationen in Europa und zu einem Vorbild dafür, wie durch internationale Zusammenarbeit ganze Flussökosysteme wirksam wiederhergestellt werden können. 

Die in Goleniów ausgesetzten Störe kamen aus der vom IGB durchgeführten Aufzucht in Form von Larven nach Polen. Sie wurden im Aufzucht- und Besatzzentrum des PZW aufgezogen, wo sie ausschließlich mit natürlicher Nahrung gefüttert und in Becken mit Wasser aus der Wiśniówka gehalten wurden – einem Nebenfluss der Ina. Dadurch passten sie sich fast von Anfang an an die Bedingungen vor Ort an, die sie unmittelbar nach dem Aussetzen antreffen würden. Dies bot ihnen die bestmögliche Vorbereitung auf das Überleben in der Natur. 

„Für den PZW im Bezirk ist die Wiederherstellung des Störs ein weiterer, äußerst wichtiger Schritt im langjährigen Kampf um die vollständige Wiederherstellung des Ina-Ökosystems“, so Pender. 

Störe benötigen lange, um zu reifen, daher ist damit zu rechnen, dass die am 18. September in die Ina gesetzten Fische in etwa 15 bis 20 Jahren zur Laichzeit hierher zurückkehren werden. 

 

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