Ein Pilotprojekt in Ostdeutschland zeigt: Stromtrassen müssen nicht länger ökologische Wüsten sein! Stattdessen verwandeln sie sich in blühende Biotopverbünde – und werden so zu Rettungsinseln für seltene Arten wie die Heidelerche oder die Zauneidechse. Mit innovativen Methoden, digitalen Werkzeugen und viel Praxisnähe beweist das neue Naturschutzvorhaben „Grüne Netze“, dass Naturschutz, Rewilding und Energiewende Hand in Hand gehen können.

Vom Problem zur Lösung: Stromtrassen als Chance für die Biodiversität
Deutschland ist ein Land der Stromtrassen. Tausende Kilometer Hoch- und Höchstspannungsleitungen durchziehen Wälder, Felder und Heiden – oft unsichtbar für die meisten Menschen, aber mit massiven Folgen für die Natur. Bisher wurden diese Korridore durch regelmäßige Pflege mit sogenannten Forstmulchern „freigehalten“. Das Ergebnis: vegetationsfreie Schneisen, die für viele Tiere und Pflanzen nutzlos sind. Doch was, wenn aus diesen grauen Korridoren grüne Lebensadern werden könnten?
Genau hier setzt das Projekt „Grüne Netze“ an, welches im Juni dieses Jahres (2026) begonnen hat. In vier ostdeutschen Bundesländern – Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen und Thüringen – erproben wir, Rewilding Oder Delta, mit vier weiteren Partnerorganisationen innovative Ansätze, um Stromtrassen in wertvolle Biotopverbünde zu verwandeln. Durch ökologisches Trassenmanagement (öTm) entstehen zum Beispiel strukturreiche Lebensräume wie Heiden, Trockenrasen und gestufte Waldsäume. Diese dienen als „Trittsteine“ für bedrohte Arten und schaffen Verbindungen zwischen isolierten Lebensräumen – ein wichtiger Teil unserer Rewildingarbeit.
Mehr als nur Pflege: Ein neues Verständnis für Trassenräume
Das sechsjährige Projekt geht weit über klassische Pflegemaßnahmen hinaus. Es entwickelt und erprobt praxisorientierte Methoden, die Netzbetreiber, Behörden und Flächeneigentümer*innen befähigen, öTm eigenständig umzusetzen. Dazu gehören:
- Standortspezifische Maßnahmen: Methoden werden an die jeweiligen Bedingungen angepasst. Hierbei bringen wir im Sinne des Rewilding vor allem wildere Natur auf die Flächen und beschränken menschliche Eingriffe auf ein Minimum.
- Digitale Planungshilfen: Ein öTm-Baukasten mit Szenarien-Modus dient als praxisorientierter Handlungsleitfaden für die Planung und Umsetzung.
- Wissensnetzwerke: Ein bundeslandübergreifendes Netzwerk fördert den Austausch zwischen Akteur*innen und unterstützt regionale Praxisnetzwerke.
- Öffentlichkeitsarbeit und Bildung: Zielgruppenspezifische Formate vermitteln die Bedeutung des Projekts – für Fachleute und die breite Öffentlichkeit.

Was geschieht konkret?
Insgesamt sollen in allen vier Bundesländern auf 250 Hektar unter Stromtrassen Maßnahmen umgesetzt, die nicht nur die Artenvielfalt fördern, sondern auch die gesellschaftliche Akzeptanz der Strominfrastruktur stärken. Durch die sichtbare ökologische Aufwertung der Trassenräume wird deutlich: Naturschutz und Energiewende sind keine Gegensätze, sondern können sich gegenseitig bereichern.
Nach Projektende stehen den beteiligten Netzbetreibern und Trassenpflegefirmen ein Handbuch, der digitale öTm-Baukasten sowie Planungen für Potenzialflächen zur Verfügung. Damit wird der Übergang von der Projektphase in die eigenständige Umsetzung erleichtert – und der Weg für eine bundesweite Verbreitung geebnet.
Warum das Projekt so wichtig ist
„Grüne Netze“ zeigt, dass es keine Kompromisse zwischen Naturschutz und Energiewende geben muss. Stattdessen beweist es, dass Stromtrassen zu Rückzugsräumen für seltene Arten werden können – und gleichzeitig die Infrastruktur der Zukunft sichern. Mit innovativen Methoden, praxisnahen Lösungen und einer breiten Zusammenarbeit setzt das Projekt neue Maßstäbe für den Umgang mit unserer Landschaft.
Die Frage ist nicht, ob wir die Energiewende schaffen – sondern wie wir sie gestalten. „Grüne Netze“ liefert die Antwort: mit Mut, Kreativität und einer Prise grüner Vision.

Das Projekt „Grüne Netze – Praxisorientierte Methodenvielfalt im ökologischen Trassenmanagement“ wird durch das Bundesamt für Naturschutz mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMUKN) sowie durch 50Hertz Transmission GmbH und Stiftung Naturschutzfonds Brandenburg finanziert.
Projektpartner sind: Landschaftspflegeverband – Westsachsen e.V. (Projektleitung), Landschaftspflegeverband Nordwestsachsen e.V., Naturforschende Gesellschaft Altenburg, Helversen´sche Stiftung für Arten- und Biotopschutz, Rewilding Oder Delta e.V.